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Schreiner mit Leib und Seele

Schreinern ist sein Beruf und sein wichtigstes Hobby. Er stand in 2015 an den WordSkills auf dem «Stockerl» der Bauschreiner, trainiert heute selber Nachwuchs-Berufswettkämpfer und amtiert auch als Wettbewerbsexperte. Gespräch mit Reto Ettlin, Vize-Berufsweltmeister und HF-Student.

Reto Ettlin, vor fast drei Jahren wurden Sie an den WorldSkills in São Paulo, Brasilien, Bauschreiner-Vizeweltmeister. Man hört oft, eine Spitzenplatzierung an einer Berufsmeisterschaft – bereits ab Stufe Schweizer Meisterschaft – öffne jungen Berufsleuten Tür und Tor. Können Sie das bestätigen? Falls ja: Inwiefern konnten Sie von Ihrem Titel profitieren? 

Reto Ettlin: «Ich konnte in mancherlei Hinsicht profitieren! Ich habe einerseits sehr vieles gelernt: Zuerst einmal unter Druck zu arbeiten, dann lernte ich generell das Lernen, was mir heute in der Weiterbildung natürlich hilft, und ich wurde allgemein viel selbstständiger. Im Betrieb – ich arbeite immer noch in meinem Lehrbetrieb – wird mir sehr grosses Vertrauen entgegengebracht; wenn schwierige Probleme auftreten, werden sie meist an mich weitergegeben. Zudem konnte ich in der ganzen Schweiz interessante Kontakte knüpfen. Und jetzt hat sich dank meiner guten Platzierung in São Paulo eine weitere Tür geöffnet: die Möglichkeit, als Experte und Trainer den Nachwuchs zu fördern.» 

Nach São Paulo gaben Sie zu Protokoll, Sie hätten für die Vorbereitung zwei Jahre eingesetzt. Im Nachhinein gesehen: Würden Sie diesen Aufwand noch einmal auf sich nehmen? 

«Ja, auf jeden Fall! Und es ist ja nicht so, dass ich die ganzen zwei Jahre lang für nichts anderes Zeit gehabt hätte: Der Zyklus dauerte von Oktober 2013 bis in den August 2015, intensiv trainiert habe ich ‹nur› im letzten halben Jahr vor den WorldSkills; da war ich am Morgen der Erste bei der Arbeit und abends der Letzte. Ich arbeitete damals im Waadtland – bei dem Experten, der an der Weltmeisterschaft für mich zuständig war. Ich lebte alleine und konnte mich fokussieren. Darum machte mir der grosse Aufwand nicht viel aus, zumal ich an den Wochenenden nach Hause fahren und dort etwas ausspannen konnte.» 

Was ist das Beste / das Wichtigste, das Sie aus Ihrer langen «Wettkampfzeit» als Aktiver mitgenommen haben? Welche Erfahrung, welches Erlebnis möchten Sie auf keinen Fall missen? 

«Ich kann nicht nur einen einzigen Punkt nennen. Wichtig ist ganz sicher, dass mir die Wettbewerbe den Horizont geöffnet haben – gerade auch in schreinerischer Hinsicht: Wir kannten die Aufgaben, die wir dort lösen mussten, nie zu 100 Prozent, mussten also flexibel sein. Wenn etwas methodisch Einschränkendes kam, musste ich andere Methoden zur Verfügung haben, um das Problem zu lösen. Das kommt mir heute noch im Betrieb zugute: Ich bin in der Lage, bei Schwierigkeiten einen anderen Blickwinkel einzunehmen und etwas von der anderen Seite her anzupacken. Das Zweite, das sicher bleiben wird, ist die Erkenntnis, dass gute Vorbereitung das Wichtigste ist. Und zwar längst nicht nur bei der Arbeit. Das sehe ich jetzt auch in der Weiterbildung – etwa, wenn ich einen Vortrag halten muss. Eine Aufgabe planlos vor sich hin zu schieben, ist einfach unklug.» 

Wir haben Sie vor zwei Monaten als Trainer einer Gruppe Innerschweizer Jungschreiner kennengelernt. Sind Sie ein Vorbild? 

«Ja, ich habe den Eindruck, dass ich bei den Jungen eine Vorbildfunktion einnehme. Sie hören und schauen mir jeweils sehr genau zu. Gerade letzte Woche war ich an der Vorausscheidung für die Schreiner-Schweizer Meisterschaft als Experte in Altstätten: Da kamen die Jugendlichen auf mich zu, stellten mir Fragen zu den Meisterschaften und waren sichtlich begeistert und beeindruckt.» 

Inwiefern können heutige Berufswettkämpfer von Ihnen profitieren? Was bringen Sie den Jungen konkret bei?

«Ich erzähle ihnen von meinen Erfahrungen und Taktiken an den verschiedenen Meisterschaften und gebe ihnen verschiedene Tipps. Dabei versuche ich, den jungen Kollegen keine Befehle, sondern eine Wegleitung zu geben, denn ich möchte sie in ihrer Entwicklung nicht einschränken. Ich will sie darin unterstützen, sich auf ihre eigene Art technisch und mental weiterzuentwickeln.» 

Nach unserer Wahrnehmung gewinnen die Berufsmeisterschaften in der Öffentlichkeit mehr und mehr an Bedeutung. Teilen Sie diese Ansicht? 

«Auf der regionalen Ebene (noch) nicht, aber auf internationaler und nun auch nationaler Ebene stimmt das durchaus: Noch vor vier Jahren berichtete das Schweizer Fernsehen nur mit einem einmaligen Bericht am letzten Tag der SwissSkills überhaupt von diesem Anlass – das nahm offenbar niemanden gross wunder. Unterdessen kämpfen die Medien schier darum, die Berufs- Schweizer-Meisterschaften zu begleiten: Die SRF-Sendung Schweiz Aktuell etwa plant, im September jeden Tag eine Reportage von den SwissSkills in Bern zu bringen.» 

Wird mit zunehmender Popularität der Berufswettbewerbe auch der Wettkampf härter? Und ist auch der Vorbereitungsaufwand für die Kandidatinnen und Kandidaten gestiegen? 

«Ja, der Wettkampf ist härter geworden. Das liegt aber nur indirekt am neuen Rummel um die Wettbewerbe, sondern eher am Wettkampfkonzept an sich: Zu meiner Zeit führten zum Beispiel die Sektionen noch keine Trainings durch. Mit dem höheren Aufwand, den die Jungen betreiben, wird jetzt bereits ein höheres Grundniveau geschaffen. Damit steigen natürlich Wettkampfniveau und auch -härte.» 

Ist das gut oder schlecht?

«Ich bin nicht nur glücklich über diese Entwicklung, weil das eigentliche Ziel der internationalen Wettbewerbe ja der Vergleich der einzelnen Berufsbildungen sein sollte. Wenn aber gewisse Länder nur zwei Personen bis zur Perfektion ‹schleifen›, um dann kurz vor Wettbewerbsbeginn den weniger Aussichtsreichen auszusortieren und nur den Allerbesten zu schicken, und wenn dieser im Erfolgsfall eine gesicherte Zukunft in finanzieller wie auch handwerklicher Hinsicht hat, ist das Grundziel nicht mehr erfüllt.» 

Sie amten auch als Wettbewerbsexperte. Was ist da genau Ihre Aufgabe? 

«Nehmen wir die WorldSkills als Beispiel: Da ist der Experte Bauschreiner der internationale Verantwortliche für die Bauschreiner; der Experte vertritt das Land im jeweiligen Beruf. Ich als Experte an den Regionalmeisterschaften bewerte die Arbeit und das Endprodukt am Wettbewerb selber nach vorgegebenen Bewertungskriterien für jeden einzelnen Teilbereich mit einer Punktierung von 0 bis 3. Angeschaut werden so unterschiedliche Aspekte wie Sauberkeit des Schliffs oder der Verleimung, Passgenauigkeit beispielsweise einer Schublade – läuft sie oder klemmt es irgendwo? – und vieles mehr.» 

Sind Sie auch an den SwissSkills Experte? 

«Nein, ich bewerte auf der zweiten Ebene. An der Schweizer Meisterschaft darf ich nicht als Experte auftreten, weil ich die Teilnehmenden trainiert habe. Da ich im Waadtland gearbeitet und meinen Militärdienst in der Romandie gemacht habe, amtiere ich bei den Trainings als Übersetzer für die drei Französisch sprechenden SwissSkills-Teilnehmer.» 

Ist es schwierig, als Experte unparteiisch zu bleiben? 

«Für mich ist das kein Thema: Unser sehr ausgeklügeltes und genaues Bewertungssystem lässt Einflussnahme kaum zu. Hinzu kommt, dass ich als Experte ‹meine› Nachwüchsler nicht bewerte: Sie nahmen am Wettbewerb in Wetzikon teil, während ich in Altstätten als Experte tätig war. Und am Wettkampf selber hat man keinen Bezug zu den Teilnehmenden; sie tragen alle eine Nummer und man notiert sich die Leistungen nach Nummern.» 

Trotzdem: Auch im Sport ist das Meiste messbar – und trotzdem kommt es zu Schiebungen … 

«Es ‹menschelt› halt überall. Auch von Berufsweltmeisterschaften wurde schon getuschelt, es hätte Bestechungsversuche gegeben. Aber es wird vieles geredet – ob es dann auch wahr ist?» 

Sie sind Vize-Bauschreiner-Weltmeister, in Ihrer Freizeit trainieren und bewerten Sie ehrgeizige junge Schreiner. Haben Sie noch andere Hobbys? 

«Doch, doch, ich habe schon auch Freizeit. Ich bin beispielsweise in einem Jodlerklub und mache einmal pro Woche Fitness. Allerdings bin ich auf einem Bauernhof zu Hause: Nach unserem Gespräch werde ich meinem Vater helfen gehen, und samstags unterstütze ich ihn meist während dem halben Tag. Mein Leben ist ausgefüllt, das gefällt mir, aber es bedarf der Planung.» 

Sie haben im Vorgespräch gesagt, dass Sie eine Schule besuchen. Was machen Sie und mit welchem Ziel? 

«Ich bin an der Höheren Fachschule Bürgenstock in der Weiterbildung. Diese läuft modular; ich habe blockweise Unterricht, ungefähr während 10 bis 12 Wochen pro Jahr. Derzeit absolviere ich das Modul Fertigungsspezialist, das ich voraussichtlich im Juni 2019 mit dem Diplom abschliesse. Anschliessend folgen weitere Module, und wenn ich alles bestehe, bin ich im Juni 2021 ‹Projektleiter Schreiner HF›.» 

Wie sieht das finanziell aus? Ist die Weiterbildung für Sie einschränkend? 

«Nein, ich kann einen Teil der Kosten selber bestreiten, weil ich an der WM vom Schreinerverband einen Gutschein für meine Leistung erhalten habe: Damit sind die Weiterbildungskosten grösstenteils gedeckt. Die Weiterbildung an sich bezahlt mein Arbeitgeber.» 

Und wo steht Reto Ettlin beruflich in 10 Jahren?

«Diese Frage ist knifflig. Ich wäre sicher gerne weiter auf meinem Beruf tätig, wenn möglich in führender Position. Weiter möchte ich meine Aufgaben als Trainer und Experte behalten und eventuell noch weiter ausbauen. Aber ich weiss, dass man vieles planen kann, aber flexibel bleiben muss: Vor fünf Jahren, als ich in die Wettbewerbe einstieg, musste ich praktisch von einem Tag auf den andern mein Leben verändern, die Rekrutenschule verschieben und an einen neuen Ort ziehen. Kurz: Das Leben ist voller Überraschungen, ich bin gespannt!» 

Text: Renate Bühler
Quelle: Magazin Folio des BCH-FPS, Ausgabe 3/2018