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Im Gespräch mit der Delegationsleiterin Christine Davatz-Höchner

15.05.09

Vom 1. bis zum 7. September 2009 finden im kanadischen Calgary die Berufs-Weltmeisterschaften statt. Christine Davatz-Höchner, Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbandes ist Offizielle Delegierte für die Schweiz an den Berufsweltmeisterschaften. Sie nimmt Stellung  zum Umstand, dass die Schweiz jeweils sehr erfolgreich an diesem Wettbewerb teilnimmt.

Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
Aufgewachsen im Kanton Baselland, wo in der 6. Klasse zwischen Progymnasium und Sekundarschule unterschieden wird, kam ich auf Wunsch meiner Eltern auf die gymnasiale Schiene und damit auf den akademischen Weg. Nach der Matur ging ich allerdings für ein Jahr für Sprachaufenthalte ins Ausland und kam mit der Absicht zurück, möglichst schnell und im Sinne einer Berufsausbildung mein juristisches Studium an der Uni Basel zu absolvieren. Mit meiner nun 23- jährigen Erfahrung als Berufsbildungsfachfrau des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv würde ich allerdings heute allen Jugendlichen, die nicht einen Beruf ausüben möchten, zu dem man zwingend ein Universitätsstudium braucht, unbedingt empfehlen, eine Berufslehre, wenn möglich mit Berufsmatura, zu absolvieren.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Schweiz nahmen in den letzten Jahren jeweils mit grossem Erfolg an den Berufsweltmeisterschaften teil. Wir sind also gut?
Ja, ohne überheblich zu sein, wir sind gut! Unsere jungen Berufsleute haben während ihrer beruflichen Ausbildung gelernt, mit viel Freude aber auch in Stresssituationen ihren Beruf auszuüben und sich entsprechend vorzubereiten. Die Kombination von Theorie und Praxis bereits während der Ausbildung bewährt sich - dies haben auch die anderen Länder gesehen und trainieren  entsprechend für die Meisterschaften. Da wir mit einem grossen Team gehen, sind die Erwartungen natürlich bei allen Berufen sehr hoch, was häufig auch Druck ausübt, den zu meistern zuerst gelernt werden muss.

Der Schweizerische Gewerbeverband sgv ist einer der Hauptträger der Organisation SwissSkills. Weshalb engagiert sich das Gewerbe so stark?
Die Organisation zur Durchführung von Berufsweltmeisterschaften (International Vocational Training Organisation IVTO heute WorldSkills International) wurde 1950 gegründet. Bereits 1953 wurde die Schweiz Mitglied und in den 80er Jahren wurde dafür eine verbundpartnerschaftliche Stiftung gegründet. Der sgv resp. seine Mitgliedverbände sind natürlich aus Tradition daran interessiert, ihre Berufe einerseits positiv darstellen zu können, anderseits sich aber auch mit anderen zu messen. Aus diesem Grund hat der sgv auch Ende der 90er Jahre ein Projekt lanciert, um Schweizermeisterschaften bei den Berufsverbänden noch populärer zu machen. Auf internationaler Ebene wurde aus der kleinen familiären Organisation eine Weltorganisation mit rund 50 Ländern aus allen fünf Kontinenten. Musste man früher noch Durchführungsorte suchen, bewerben sich heute verschiedene Länder darum, einen solchen Anlass durchzuführen. Qualifizierte Fachleute braucht es in allen Berufen, ob Gewerbe, Handwerk, Dienstleistung oder in High-Tech-Berufen.

Wie werden die jugendlichen Teilnehmenden auf den Wettbewerb vorbereite?
Wie und in welchen Berufen junge Berufsleute an die Berufsweltmeisterschaften kommen können, hängt einerseits vom Schweizerischen Berufsverband ab und anderseits von WorldSkills International, welche die 45 - 50 Wettbewerbsberufe festlegt. In der Regel werden umfassende Schweizer Meister-schaften und Evaluationen durchgeführt, so dass am Schluss wirklich der oder die Beste die Schweiz an den Weltmeisterschaften vertreten kann. Sobald das Team mit den jungen Berufsleuten zusammengestellt ist, werden von SwissSkills Vorbereitungs-Weekends angeboten, bei welchen sich die Jungen zuerst kennen lernen, dann aber auch ihre körperlichen und mentalen Fähigkeiten trainieren können. Die fachliche "Exzellenz" wird meist noch mit den internationalen Experten des Berufsverbands gefestigt. Am ersten Weekend trifft man sich dann zu ersten gemeinsamen Arbeiten. Leider ist die Anzahl der Teilnehmenden aus der lateinischen Schweiz meist gering und auch die Vertretung durch die Frauen könnte besser sein, aber dies hängt natürlich wiederum von den Schweizerischen Berufsverbänden, deren Meisterschaften und Auswahlkriterien ab und je nach Beruf ist dieser auch männlich geprägt. Sobald das Team zusammengestellt ist und auch den Medien bekannt gemacht wird, interessieren sich auch die Regionen für "ihre" Teilnehmenden und hoffen natürlich, dass sie mit Medaillen nach Hause kommen. Was die Finanzen anbetrifft, zahlen die Berufsverbände einerseits einen Pauschalbeitrag an die Teilnahmegebühren und anderseits leisten sie viel für die Vorbereitungsarbeiten. Die Stiftung, die den Rest (Kleider, Teamweekends etc.) übernimmt, wird verbundpartnerschaftlich durch Beiträge des Bundes, der Kantone und der Wirtschaft finanziert.

Sie sind Offizielle Delegierte der Schweiz bei den Berufsweltmeisterschaften. Was bedeutet das?
Als Offizielle Delegierte vertrete ich die Schweiz in der Weltorganisation zusammen mit dem Technischen Delegierten Rico Cioccarelli und versuche dort, unser Berufsbildungssystem einerseits bekannter zu machen und anderseits unsere Ansprüche an einen qualitativ hochstehenden Wettbewerb durchsetzen. Gleichzeitig bin ich als Offizielle Delegierte auch die Delegationsleiterin und begleite das Team an die Empfänge und Anlässe, welche von WorldSkills oder - was wir natürlich besonders schätzen - von der jeweiligen Schweizer Botschaft im Austragungsland organisiert werden.
Früher bezeichnete man WorldSkills als das bestgehütete Geheimnis in der Bildungswelt, dies obwohl rund 200'000 Personen diese 4-tägigen Wettbewerbe jeweils vor Ort verfolgen. Heute haben auch die Medien entdeckt, dass dies eine höchst interessante, ja spannende Angelegenheit ist. Auch ist es für das durchführende Land die beste Gelegenheit, Berufsbildung attraktiv darzustellen, vor allem wenn man das häufig schulisch dominierte System mehr Richtung Berufsbildung steuern möchte. Für die Berufsbildung selbst sind solche Wettbewerbe - egal ob auf regionaler, nationaler oder internationaler Ebene - eine optimale Gelegenheit zu zeigen, was in diesen jungen Berufsleuten steckt!

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?
Die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung bestehen wohl darin, genügend junge Leute zu motivieren, eine berufliche Grundbildung zu wählen. Der Trend Richtung rein schulische Ausbildung ist zum Glück nicht mehr so gross wie noch vor einigen Jahren, aber wenn es uns nicht gelingt, auch die berufliche Weiterbildung attraktiv und gleichwertig gegenüber der akademischen Bildung vor allem bei der Finanzierung, sicherzustellen, werden wir in einigen Jahren Probleme mit dem Nachwuchs haben. Für mich ist aber klar und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das duale Berufsbildungssystem das Beste ist, sowohl für die Jungen als auch für die Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganzes.Die Jungen werden behutsam in den Arbeitsprozess eingeführt, lernen dort vor allem die heute so dringend nötigen Sozialkompetenzen und werden in erster Linie arbeitsmarktfähig "gemacht". Nachher stehen alle Wege offen für jegliche Art der Karriere, sei es im Bereich der Weiterbildung.

 

E-Mail Christine Davatz-Höchner: c.davatz@sgv-usam.ch
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch
E-Mail: g.zahno@red.educa.ch

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